Ghosting im Online Dating: Was dahinter steckt und wie du damit umgehst
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Ghosting im Online Dating: Was dahinter steckt und wie du damit umgehst

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SparkChambers Redaktion Unser Team von Beziehungsexperten
5 Min. Lesezeit

Du schaust zum fünften Mal aufs Handy. Keine Nachricht. Gestern lief das Online-Dating-Gespräch noch super, heute? Ghosting. Drei Tage später kapierst du: Das wird nichts mehr.

Wenn dir das bekannt vorkommt, bist du in guter Gesellschaft. Laut einer Statista-Umfrage von 2023 haben 60% aller Dating-App-Nutzer Ghosting erlebt. Bei Gen Z und Millennials sind es sogar 84%. Das ist keine Ausnahme mehr. Das ist der Normalzustand.

Ich hab's selbst erlebt. Mehrfach. Und ich geb zu: Ich hab auch schon geghostet. Einmal. Es fühlte sich im Moment einfacher an. Im Nachhinein? Nicht mein stolzester Moment.

Was genau ist Ghosting?

Ghosting bedeutet: Jemand bricht den Kontakt ab. Komplett. Ohne Erklärung, ohne Warnung, ohne Abschied. Der Chat bleibt unbeantwortet, Anrufe werden ignoriert, und du fragst dich, ob du dir das alles nur eingebildet hast.

Das ist was anderes als klassische Funkstille. Bei Funkstille zieht sich jemand zurück, weil die Situation emotional zu viel wird. Das passiert oft unbewusst. Ghosting dagegen ist eine aktive Entscheidung: Ich antworte nicht mehr. Psychologie Heute beschreibt den Unterschied so: Funkstille entsteht aus Überforderung, Ghosting aus Kalkül.

Warum ghosten Menschen überhaupt?

Hier wird's interessant. Denn die Gründe sind nicht so eindeutig wie man denkt.

Die Hälfte aller Ghoster, rund 50%, machen es laut Psychology Today aus einem Grund: Konfliktvermeidung. Sie wollen kein unangenehmes Gespräch führen. Klingt feige? Vielleicht. Aber ehrlich gesagt kann ich das nachvollziehen. Niemand schreibt gerne "Hey, ich find dich nett, aber das wird nichts."

Dann gibt's noch eine überraschende Gruppe: Fast jeder dritte Ghoster kämpft mit psychischen Problemen. Angstzustände, PTSD, Traumata aus früheren Beziehungen. Für diese Menschen fühlt sich Kontaktabbruch sicherer an als ein Gespräch, das alte Wunden aufreißen könnte.

Eine Studie der Universität Wien mit rund 1.000 jungen Erwachsenen hat noch was Interessantes gefunden: Menschen mit höherem Selbstwertgefühl ghosten ihre Freunde öfter. Bei romantischen Partnern sieht das anders aus. Die Verbindung ist nicht so klar wie man annehmen würde.

Und dann ist da noch die Dating-App-Müdigkeit. 79% der Gen Z und 80% der Millennials sind ausgelaugt vom ewigen Swipen, Matchen und Ghosten. Irgendwann verschwimmen die Chats. Man verliert den Überblick. Manchmal ghostet man, ohne es überhaupt zu merken.

Was Ghosting mit uns macht

Hier muss ich ehrlich sein: Geghostet zu werden tut weh. Richtig weh.

Das Newport Institute warnt, dass Ghosting zu vermindertem Selbstwertgefühl, Misstrauen und depressiven Symptomen führen kann. Studien zeigen, dass fast 50% der Betroffenen danach an sich selbst zweifeln.

Das Fiese daran: Unser Gehirn verarbeitet soziale Zurückweisung ähnlich wie körperlichen Schmerz. Das ist keine Übertreibung, das zeigen Hirnscans. Und anders als bei einer klaren Absage bleibt bei Ghosting alles offen. Du hängst emotional fest, ohne Antworten. Ohne Abschluss.

Aber hier kommt der Plot Twist. Eine faszinierende Studie der New York University zeigt: 79% der Ghoster empfinden mehr Fürsorge für ihr Gegenüber als die Geghosteten glauben. Das soll Ghosting nicht entschuldigen. Aber es zeigt, dass die Sache komplizierter ist als "Ghoster sind Arschlöcher."

So gehst du damit um, wenn du geghostet wirst

Okay, du wurdest geghostet. Was jetzt?

Erstens, und das ist das Wichtigste: Es sagt nichts über dich aus. Ghosting reflektiert die Grenzen des Ghosters, nicht deinen Wert. Beziehungsexpertin Susan Winter sagt dazu: "Es ist dein Ego, das zurückschlagen will. Akzeptier die Fakten und sei dankbar, dass du nicht hingehalten wirst."

Hier sind ein paar Dinge, die mir geholfen haben:

Setz dir eine Deadline. Nach einer Woche ohne Antwort? Hak es ab. Wirklich.

Keine Nachfrage-Nachrichten. Ja, ich weiß, man will Antworten. Aber du wirst keine bekommen, die dich zufriedenstellen. Manchmal ist keine Antwort die Antwort.

Red mit jemandem. Freunde, Familie, Therapeut. Alleine grübeln macht alles schlimmer.

Und wenn die Reaktion auf Ghosting unverhältnismäßig stark ist? Dann könnte da mehr dahinterstecken. Alte Verlassenheitsängste, Bindungstraumata. In dem Fall kann professionelle Unterstützung echt helfen.

Wie du selbst nicht zum Ghoster wirst

Jetzt der unbequeme Teil. Denn wahrscheinlich hast du auch schon mal geghostet. Ich jedenfalls.

Ich versteh das Unbehagen. Ein "Hey, ich glaub das passt nicht" zu schreiben fühlt sich komisch an. Aber kurze Unannehmlichkeit schlägt langanhaltenden Schmerz.

Die One Love Foundation hat konkrete Textvorlagen zusammengestellt. Ein paar Beispiele, frei übersetzt:

Nach ein paar Nachrichten: "Hey, ich hab grad viel um die Ohren und kann nicht so chatten wie ich möchte. Wollte Bescheid geben."

Nach einem Date: "Danke für gestern Abend! Ich hab gemerkt, dass die Chemie für mich nicht stimmt. Alles Gute!"

Das kostet 30 Sekunden. Und spart der anderen Person Tage voller Unsicherheit.

Respektvolle Kommunikation zählt

In einer Community wie SparkChambers, wo Klarheit und Consent Grundwerte sind, ist Ghosting besonders fehl am Platz. Wer im Kink-Bereich unterwegs ist, weiß: Offene Kommunikation über Grenzen und Erwartungen ist nicht optional. Das gilt auch fürs Beenden von Kontakten.

Das heißt nicht, dass du jedem eine ausführliche Erklärung schuldest. Aber ein kurzes "Ich bin nicht interessiert" ist kein Hexenwerk.

Respekt zeigt sich nicht nur darin, wie wir miteinander reden. Sondern auch darin, wie wir aufhören zu reden.


Häufig gestellte Fragen

Die Gründe sind vielfältig: 50% wollen Konfrontationen vermeiden, andere kämpfen mit psychischen Belastungen oder sind von Dating-Apps überfordert. Manche verlieren schlicht den Überblick zwischen zu vielen Chats. Ghosting ist selten böswillig, aber das macht es für Betroffene nicht weniger schmerzhaft.

Nicht nachfragen, nicht stalken, nicht persönlich nehmen. Gib dir eine Woche, dann hak es ab. Rede mit jemandem darüber. Keine Antwort ist auch eine Antwort. Und wenn die Reaktion unverhältnismäßig stark ist, könnte professionelle Unterstützung helfen.

Oft ja. Aber nicht immer aus Bösartigkeit. Viele Ghoster fühlen sich schuldig und glauben, Schweigen sei weniger verletzend als Ablehnung. Eine NYU-Studie zeigt: 79% der Ghoster empfinden Fürsorge für ihr Gegenüber. Das entschuldigt nichts, zeigt aber, dass die Realität komplexer ist.
*Zuletzt aktualisiert: Januar 2026*

Quellen & Referenzen

  1. 1 Statista-Umfrage von 2023
  2. 2 84%
  3. 3 Psychologie Heute
  4. 4 Psychology Today
  5. 5 Studie der Universität Wien
  6. 6 Newport Institute
  7. 7 Studie der New York University
  8. 8 Susan Winter
  9. 9 One Love Foundation