Berlin. Freitagabend, 23:47 Uhr. Meine Freundin Sarah starrt auf ihr Tinder-Match und fragt: "Warum fühlt sich das so falsch an, wenn es doch alle machen?"
Genau das ist die Frage. Deutschland steht auf Platz zwei im OECD-Promiskuitätsindex. Wir sollen angeblich sexuell liberal sein. Casual Sex überall. Hookup-Kultur wie in jeder Netflix-Serie.
Aber nur 36% der Deutschen finden Promiskuität tatsächlich okay, wie die GeSiD-Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigt.
Ich habe drei Monate damit verbracht herauszufinden, was hier los ist. Studien gelesen. Menschen in Berlin, München, Hamburg interviewt. Und die Wahrheit ist: Wir leben in zwei parallelen Realitäten. Eine ist das, was wir tun. Die andere ist das, was wir glauben, dass alle anderen tun.
Diese Geschichte handelt davon, wie wir diesen Unterschied überwinden.
Was bedeutet Hookup auf Deutsch?
Fragen wir zehn Deutsche, und wir bekommen zwölf Definitionen.
Für manche ist es ein One-Night-Stand nach drei Gin Tonics. Für andere ist es Freundschaft Plus—regelmäßiger Sex mit einem Freund, ohne die Komplikationen einer Beziehung. Für wieder andere ist es jede Art von Sex, die nicht zu einer Beziehung führt.
Das englische Wort "Hookup" fasst all das zusammen: Sexuelle Begegnungen ohne Verpflichtung. Kein "Ich liebe dich." Kein "Was sind wir?" Nur physisch.
Klingt einfach. Ist es aber nicht.
Denn "Hookup-Kultur" meint mehr als einzelne Entscheidungen. Es beschreibt eine Umgebung, in der unverbindlicher Sex die Norm ist. Wo erwartet wird, dass du mitmachst. Wo eine Beziehung zu wollen nach Verzweiflung aussieht.
Das ist das Problem. Nicht die Hookups selbst. Sondern der Druck.
Wie die Hookup-Kultur entstand (und warum sie nie nach Deutschland gehörte)
Hookup-Kultur fühlt sich an wie ein universelles Phänomen. Ist es aber nicht. Es ist amerikanischer Export. Wie McDonald's oder Marvel-Filme. Wir haben es übernommen, ohne zu fragen, ob es zu uns passt.
Die Geschichte ist interessant. In den 1920ern zogen junge Amerikaner vom Land in die Städte. Weg von den Eltern. Weg von sozialer Kontrolle. Die 1960er brachten die Pille und die sexuelle Revolution. Plötzlich war Sex ohne Schwangerschaft möglich. Traditionelle Werte wurden hinterfragt.
Dann kam 1984 der entscheidende Moment: Die USA hoben das Mindestalter für Alkohol auf 21 an. Das klingt erstmal nach weniger Sex, nicht mehr. Aber es verlagerte das Trinken von öffentlichen Bars in private Fraternities. Die Studentenverbindungen wurden zum Zentrum des Nachtlebens.
Und wer die Party kontrolliert, kontrolliert die sexuellen Dynamiken.
2012 explodierten Dating-Apps. Plötzlich konntest du in einer Stunde durch hunderte potenzielle Partner wischen. Die Hookup-Kultur bekam digitalen Turbo. Sex wurde zu einer Ware. Austauschbar. Optimierbar.
Aber—und das ist entscheidend—Deutschland hatte nie Fraternities. Wir haben keine Campus-Kultur wie die USA. Unser Mindestalter für Alkohol ist 16, nicht 21. Unsere sexuelle Sozialisation passiert in öffentlichen Räumen, nicht in privaten Männerbünden.
Wir haben die Ergebnisse der amerikanischen Hookup-Kultur importiert, ohne die Ursachen zu haben. Kein Wunder, dass es sich fremd anfühlt.
Deutschland vs. USA: Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache
Lass uns die Daten anschauen. Die GeSiD-Studie von 2019 befragte fast 5.000 Deutsche zu ihren Einstellungen gegenüber Sexualität.
| Aussage | Zustimmung in Deutschland |
|---|---|
| Promiskuität ist akzeptabel | 36,2% |
| Sex ohne Liebe ist okay | 53,8% |
| Außerehelicher Sex ist akzeptabel | 16,0% |
Zum Vergleich: In den USA haben 60 bis 80% der Studenten mindestens einen Hookup erlebt.
Diese Zahlen erzählen eine Geschichte. Deutschland ist deutlich zurückhaltender bei Hookups, als amerikanische Netflix-Serien vermuten lassen. Die Hookup-Kultur hat hier nie die gleiche Dominanz erreicht wie in den USA.
Auch beim Casual Dating zeigt sich diese Zurückhaltung. Was in den USA normal ist, gilt hier oft als Kompromiss.
Die Parship-Studie von 2025 bestätigt das:
- 80% der deutschen Singles wollen sich beim Dating auf eine Person konzentrieren
- 78% finden paralleles Dating unangenehm
- 79% der Frauen (vs. 59% der Männer) halten Sex beim ersten oder zweiten Date für unangemessen
Die Mehrheit der Deutschen will keine Hookup-Kultur. Sie wollen Verbindlichkeit.
Berlin ist nicht Deutschland
"Aber in Berlin ist das doch ganz anders!"
Ja. Berlin ist anders. Und das ist genau der Punkt.
Das Problem: Wenn wir über "Deutschland" und Hookup-Kultur sprechen, denken viele an Berlin. Dabei ist die Berliner Hookup-Szene die Ausnahme, nicht die Regel.
Berlin ist die Stadt, in der meine Freundin Laura (28, aus Köln zugezogen 2021) nach drei Jahren immer noch von "temporären Menschen" spricht. Ihre letzte Beziehung? Ein Italiener, der nach sechs Monaten nach Mailand zurückzog. Der davor? Ein Franzose mit einem einjährigen Visum. Der davor? Ein Berliner, der eigentlich aus Hamburg kam und "bald zurückziehen" wollte.
"Sex ist in Berlin leicht zu finden," sagt sie. "Aber eine ernsthafte Beziehung? Fast unmöglich. Alle sind auf Durchreise."
Ein anderer Freund erzählte mir von einem Date in München. Der Typ bot an, sie nach Hause zu fahren. In Berlin, beim nächsten Match, fragte jemand: "Hey, kannst du meine BVG-Kosten übernehmen? Bin grade broke."
Hamburg? Familienorientiert. Viele meiner Hamburger Freunde sind mit ihren Schulfreunden zusammen. München? Traditioneller. Man lernt sich über gemeinsame Bekannte kennen. Berlin? Ein Spielplatz, auf dem sich jeder neu erfinden kann—aber niemand bleiben will.
Berlin repräsentiert Deutschland ungefähr so gut wie Las Vegas Amerika repräsentiert. Es ist die Ausnahme. Nicht die Regel.
Die psychologischen Kosten
Die Forschung zu emotionalen Folgen von Casual-Dating-Erfahrungen? Nicht ermutigend.
Eine Studie unter US-amerikanischen Studenten fand:
- 78% der Frauen berichteten von Bedauern nach ihren Hookup-Erfahrungen
- 72% der Männer ebenso
- 49% der Frauen hatten negative emotionale Reaktionen
- 26% der Männer ebenso
Diese Zahlen sind nicht speziell deutsch, aber sie geben einen Hinweis auf universelle Muster.
Was mir auffällt—und was ich selbst erlebt habe: Viele Menschen berichten von einer Art kognitiver Dissonanz. Sie machen etwas, wovon sie glauben, dass es alle anderen machen, fühlen sich aber unwohl dabei. Ich war einer von ihnen. In meinen Mittzwanzigern in Berlin glaubte ich, die endlosen Optionen zu wollen. Jedes neue Match fühlte sich wie Möglichkeit an. Es dauerte zwei Jahre, bis ich realisierte, dass ich in einem Raum voller Menschen einsam war.
Der Peter-Pan-Effekt
In Berlin haben mehrere Interviewte ein interessantes Phänomen beschrieben. Sie nannten es den "Peter-Pan-Effekt".
Wenn ständig neue Menschen in eine Stadt kommen, entsteht eine endlose Auswahl. Warum sich festlegen, wenn morgen jemand noch Interessanteres auftauchen könnte?
Das Ergebnis: Menschen, die nicht erwachsen werden wollen. Die von Hookup zu Hookup springen, ohne je eine tiefere Verbindung einzugehen. Nicht weil sie es nicht wollen, sondern weil die Umgebung es so schwer macht.
Paradoxerweise führt das zu Einsamkeit. Die Hookup-Kultur bietet Sex, aber keine Intimität. Körperliche Nähe, aber keine emotionale Verbindung. Viele Menschen landen in dieser Grauzone, die wir Situationship nennen—weder Beziehung noch wirklich unverbindlich.
Die Generation Z dreht um
Die Jugend ist weniger promiskuitiv als wir denken.
Die BZgA-Studie zeigt, dass weniger deutsche Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren sexuelle Erfahrungen haben als vor zehn Jahren. Der Anteil derer, die vor dem 17. Geburtstag ihr erstes Mal erleben, sinkt seit Jahren.
Das widerspricht komplett dem Narrativ von der hypersexualisierten Jugend.
Was passiert stattdessen? 79% der Gen Z berichten von Dating-App-Burnout, wie eine Forbes Health Umfrage zeigt. Sie sind erschöpft. Das endlose Wischen, das oberflächliche Kennenlernen, die fehlende Verbindlichkeit.
58% der Gen Z sagen, dass sie sich darauf konzentrieren wollen, Menschen im echten Leben zu treffen. Nicht auf Apps. Die digitale Hookup-Kultur verliert für sie an Attraktivität.
Der Parship Dating Kompass 2026 beschreibt einen Trend namens "Re:loving": Bewusste Neuanfänge in der Liebe. Weg von etablierten Mustern, hin zu absichtsvollen Beziehungen.
Zwischen Freiheit und Druck
Missversteh mich nicht: Hookup-Kultur ist nicht per se schlecht.
Für manche Menschen funktioniert sie perfekt. Sexuelle Exploration. Keine Verpflichtungen. Freiheit.
Das Problem beginnt, wenn Menschen glauben, sie müssten mitmachen. Wenn sie denken, alle anderen tun es, also sollten sie auch. Obwohl es sich falsch anfühlt.
Die Forschung zeigt ein Phänomen namens pluralistische Ignoranz. Menschen überschätzen, wie wohl sich andere mit Hookups fühlen. Sie denken: "Alle anderen finden das normal, nur ich nicht." Dabei geht es vielen genauso.
Wie gehst du mit Hookups um? Das ist die Kernfrage.
- Willst du Hookups, weil du sie wirklich willst? Oder weil du glaubst, du solltest?
- Wie fühlst du dich danach? Energetisiert oder leer?
- Verfolgst du Hookups, um Intimität zu vermeiden? Oder aus echtem Interesse an unkompliziertem Sex?
Es gibt keine richtige Antwort. Aber die Fragen zu stellen ist wichtig.
Praktische Tipps für bewusste Hookup-Entscheidungen
Ob du dich für oder gegen Hookups entscheidest, hier sind einige Gedanken:
Wenn du Hookups willst:
Kommuniziere klar. Bei Hookups ist das besonders wichtig. In Deutschland, wo Konsens und offene Kommunikation zum Sexualkundeunterricht gehören, gilt das umso mehr. Sag, was du willst. Frag, was die andere Person will. Falls du lernen möchtest, wie man schwierige Gespräche über Beziehungswünsche führt, haben wir dazu einen eigenen Guide.
Schütze dich. Kondome. Regelmäßige Tests. Das ist nicht verhandelbar.
Sei ehrlich zu dir selbst. Wenn du merkst, dass du Gefühle entwickelst, leugne es nicht. Hookup-Kultur funktioniert nur, wenn beide auf dem gleichen Stand sind.
Wenn du keine Hookups willst:
Du bist nicht seltsam. Die Mehrheit der Deutschen teilt deine Präferenz für Verbindlichkeit statt Hookups. Du schwimmst nicht gegen den Strom. Du schwimmst mit ihm.
Lass dich nicht von Dating-Apps oder Serien unter Druck setzen. Das, was du dort siehst, repräsentiert nicht die Realität.
Suche Orte, die zu deinen Werten passen. Wenn du in Berlin bist und eine ernsthafte Beziehung willst, musst du vielleicht anders suchen als auf Tinder. Plattformen wie SparkChambers bieten dir die Möglichkeit, Menschen mit ähnlichen Beziehungswünschen zu entdecken—ob das Hookups sind oder langfristige Verbindungen.
Regionale Unterschiede beachten:
In Berlin ist die Dating-Kultur anders als in München. In Hamburg anders als in Köln. Wenn du dich unwohl fühlst, liegt es vielleicht nicht an dir, sondern am Umfeld.
Der Geschlechterunterschied
Ein Thema, das wir nicht ignorieren können: Die Einstellungen zu Hookups unterscheiden sich stark zwischen Männern und Frauen.
Die GeSiD-Studie zeigt, dass Männer generell offener gegenüber Promiskuität und Sex ohne Liebe sind. Frauen bevorzugen stärker Sex innerhalb von Beziehungen.
Das ist weder gut noch schlecht. Es ist einfach Realität. Und es erklärt, warum Hookup-Erfahrungen für viele Frauen unbefriedigender sind als für viele Männer.
Die Doppelmoral existiert noch. Ein Mann, der viele Hookups hat, wird anders bewertet als eine Frau in der gleichen Situation. Das ist unfair, und es ist real. Meine Freundin Katja (29) erzählte mir, dass sie nach einem One-Night-Stand drei Tage brauchte, um mit ihrer besten Freundin darüber zu sprechen. Nicht weil es schmerzhaft war. Sondern weil sie Angst hatte, als "zu viel" oder "zu prüde" bewertet zu werden—abhängig davon, wen sie fragt. Männer erleben das selten. Und das erklärt, warum Hookup-Kultur für viele Frauen erschöpfender ist.
Was das alles bedeutet
Hier ist die Wahrheit, die niemand laut ausspricht: Die Leute, die am meisten Hookups haben, sind oft die, die sie am wenigsten wollen. Sie jagen einem Lebensstil hinterher, von dem sie glauben, dass sie ihn wollen sollten, und fragen sich, warum es sich leer anfühlt.
Die Menschen, die Hookups tatsächlich genießen? Das sind die, die bewusst dafür entschieden haben. Nicht weil Tinder es ihnen vorgeschlagen hat. Nicht weil Berlin es zur Norm gemacht hat. Sondern weil es zu ihnen passt.
64% der Deutschen wollen keine Hookup-Kultur. Die Generation Z löscht ihre Dating-Apps. Berlin ist die Ausnahme, nicht die Regel.
Wenn du dich unwohl fühlst mit Casual Dating, bist du nicht prüde. Du bist nicht seltsam. Du bist die Mehrheit. Du schwimmst nicht gegen den Strom—du schwimmst mit ihm.
Und wenn du Hookups willst? Dann sei ehrlich darüber. Mit anderen. Mit dir selbst. Es gibt keinen richtigen Weg, aber es gibt deinen Weg.
Also mach das: Öffne jetzt deine Dating-App. Schau dir deine Matches an. Wie viele davon willst du wirklich wiedersehen? Jetzt die schwierigere Frage: Bist du auf dieser App, weil du es willst—oder weil du glaubst, dass alle anderen darauf sind?
Die Antwort könnte dich überraschen. Oder befreien.
Zwischen Freiheit und Druck gibt es einen dritten Weg: Authentizität. Du musst ihn nur wählen.