Unsere erste Shibari-Erfahrung: Wie sich Seil wirklich angefühlt hat
Wir waren beide darauf gefasst, dass es wehtut. Unsere erste Shibari-Erfahrung lief dann komplett anders, und mit dieser Erwartung hab ich ungefähr elf Monate danebengelegen. So lange haben wir nämlich um die Idee herumgeredet, bevor einer von uns wirklich was gemacht hat.
Warum wir Seil überhaupt ausprobieren wollten
Jo hat es zuerst angesprochen, so halb nebenbei, wie man Dinge anspricht, bei denen man sich noch nicht sicher ist. Angefixt hat mich aber nicht die Optik. Es war ein Nebensatz in einem Text von einer Rope Bottom, die schrieb, sie mag es, eine Weile lang keine Entscheidungen treffen zu müssen. Ich hab einen Job, in dem ich vor der Mittagspause ungefähr vierhundert kleine Entscheidungen treffe. Vierzig Minuten lang gar nichts entscheiden zu müssen, klang für mich weniger nach Kink und mehr nach Urlaub.
Jos Grund war schlichter und ehrlicher als meiner. Jo wollte Verantwortung übernehmen, für jemanden, der sie freiwillig abgibt. Mehr war's nicht.
Fesselspiel zum ersten Mal auszuprobieren, ist so eine Sache, bei der du monatelang lesen kannst und trotzdem keine Ahnung hast, wie es sich tatsächlich anfühlt. Irgendwann haben wir dann aufgehört zu lesen.
Das Gespräch, bevor überhaupt Seil im Spiel war
Unsere erste Shibari-Erfahrung fing an einem Dienstag an, auf dem Sofa, komplett angezogen, mit Tee. Aufgeschrieben klingt das absurd durchorganisiert. Im Moment selbst kam es mir auch leicht albern vor, ungefähr so, als würde man einen spontanen Abend terminieren.
Albern war's nicht. Ich hab nur erst hinterher verstanden, warum.
In jedem Guide, den ich vorher gelesen hab, stand „redet vorher darüber“, und danach kam nichts mehr. Das hilft ungefähr so viel wie der Ratschlag, sich gesund zu ernähren. Also konkret.
Wir haben Dinge benannt. Keine Kategorien, Dinge. Handgelenke ja. Brustkorb ja. Alles oberhalb vom Schlüsselbein nein. Keine Suspension, auch nicht ein kleines bisschen. Jo hat gefragt, ob es danach sexuell werden soll, und ich hab gesagt, ich weiß es ehrlich nicht. Also war die Voreinstellung nein, und ich durfte das laut ändern, wenn ich wollte. Genau dieser letzte Punkt war später wichtiger, als ich gedacht hätte.
Dann Safewords. Grün, gelb, rot, was sich peinlich nach Fahrschule anfühlte, bis zu dem Moment, in dem ich gelb gebraucht hab. Dazu ein nonverbales Zeichen, weil Jo gelesen hatte, dass manche Leute irgendwann gar nicht mehr reden. Ich hab felsenfest behauptet, das passiert mir nicht. Ist mir passiert.
Und wir haben über danach geredet. Vorher. Das kam mir vor, als würde man den Abwasch planen, bevor überhaupt gekocht wird. Es waren die klügsten zwanzig Minuten des Abends.
Dass das alles vorher passieren muss und nicht mitten in der Szene, hat einen strukturellen Grund und keinen Anstandsgrund. Healthlines Text zum Subspace sagt es ziemlich direkt: In diesem Kopfzustand kannst du nicht mehr sinnvoll zustimmen. Der Zustand, der das Seil so gut macht, ist derselbe, der dich zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt verhandeln lässt. Die National Coalition for Sexual Freedom hat in eigenen Umfragen gefunden, dass etwa 1 von 3 Personen aus der Kink-Szene irgendwann erlebt haben, dass ein Limit überschritten oder ein Safeword ignoriert wurde. Wir wollten dabei nicht tugendhaft sein. Wir wollten einfach nicht in dieser Statistik landen.
Dann haben wir Seil bestellt: 3-teiliges Bondageseil-Set "Bondage Ropes", 1 x 20 m, 2 x 3 m. Nichts Aufwendiges, eine lange Rolle und zwei kurze Stücke, rund dreißig Euro insgesamt. Es lag danach fast eine Woche in der Schublade.
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Wie fühlt sich Shibari an?
Eng. Das ist die erste ehrliche Antwort.
Aber nicht schmerzhaft eng. Eher wie eine Hand, die flach und gleichmäßig auf deinen Rücken drückt, nur eben überall dort, wo das Seil kreuzt, und ohne nachzulassen. Jute fühlt sich trocken an, ein bisschen wie weich gewordene Gartenschnur, und es riecht schwach nach Heu. Vor dem Geruch hat mich niemand gewarnt, und es ist das Detail, an das ich mich am klarsten erinnere.
Das Seil geht langsam an. Viel langsamer, als die Fotos vermuten lassen. Jo legt eine Wicklung, streicht sie mit dem Daumen glatt, kontrolliert, macht weiter. Es gab lange Passagen, in denen nichts passiert ist außer Berühren und Nachjustieren, und ich glaub, genau in dieser Leere spielt sich das Ganze ab.
Nach ungefähr zehn Minuten wurden meine Arme schwer, auf eine Art, die mit dem Seil nichts zu tun hatte.
Und einmal saß eine Wicklung am linken Handgelenk falsch, mein Ringfinger wurde kalt und kribbelig. Ich hab gelb gesagt. Jo hat die Wicklung gelöst, sie zwei Zentimeter höher gesetzt, wir haben weitergemacht. Vielleicht zwanzig Sekunden insgesamt. Ich hatte mir das vorher als dramatischen Szenenabbruch ausgemalt, und es war weniger störend, als einen Film anzuhalten, weil es an der Tür klingelt.
Der Teil, mit dem keiner von uns gerechnet hat
Irgendwann nach der zwanzigsten Minute hab ich aufgehört, in ganzen Sätzen zu antworten.
Ich bin nicht sicher, ob ich das gut beschreiben kann. Es war keine Müdigkeit und keine Erregung. Am nächsten komme ich damit: Der Teil vom Gehirn, der ständig alles kommentiert, hat einfach aufgehört zu kommentieren. Warm. Extrem präsent und gleichzeitig nicht ganz im Raum. Man nennt das Seilraum. Da gibt's eine kleine Studie der Northern Illinois University mit vierzehn Teilnehmenden, nach der gefesselte Personen einen messbar veränderten Bewusstseinszustand zeigen, während die fesselnde Person eher in etwas landet, das an Flow erinnert. Winzige Stichprobe, von den Forschenden selbst als vorläufig bezeichnet, und trotzdem passte es fast exakt auf uns.
Denn Jo hatte auch einen, und das ist der Teil, den fast niemand aufschreibt.
Ich hab Tage später gefragt, wie es von der anderen Seite war. Jo sagt, es war die konzentrierteste Stunde der letzten zwei Jahre. Kein Handy, kein Abdriften, keine To-do-Liste, die im Hintergrund mitläuft. Nur mein Atem, die Spannung in jeder Wicklung und die Farbe meiner Hände. Aufgefallen sind Jo meine glasigen Augen und die immer kürzeren Antworten, und das Merkwürdige war dieses Gefühl, gleichzeitig verantwortlich und völlig ruhig zu sein statt nervös.
Das Szenewort dafür ist Topspace. Gehört hatte ich es vorher nie.
Also: zwei Kopfzustände, nicht einer.
Aftercare war die halbe Szene
Das Aufbinden hat vielleicht sechs Minuten gedauert, und ich erinnere mich an fast nichts davon.
Woran ich mich erinnere: die Decke, die Jo vorher auf die Heizung gelegt hatte, ohne was zu sagen. Süßer Tee. Licht gedimmt. Jo hat mir die erste Viertelstunde überhaupt keine Frage gestellt, weil wir vorher vereinbart hatten, dass ich zuerst Ruhe brauche und erst danach Reden. Stimmte.
Zwei Tage später war ich dann flach. Nicht traurig. Eher leerer Akku. Bei einer Werbung fast geheult, gereizt gegenüber Leuten, die nichts dafür konnten. Ich hätte es beinahe nicht erzählt, und das wäre ein Fehler gewesen.
Hier zeig ich auf eine weitere echte Quelle, weil ich dachte, ich bilde mir das ein. Die Psychologin Dr. Kate Balestrieri beschreibt Sub Drop als echten neurochemischen Absturz. Adrenalin, Endorphine, Oxytocin und Dopamin laufen während einer intensiven Szene hoch und fallen danach ab, und dieser Absturz kann Tage später kommen. Das hat aus „mit mir stimmt was nicht“ ein „das ist bekannt und geht vorbei“ gemacht. Jo hat am Donnerstag nachgefragt. Das war auch Aftercare, nur verzögert.
Aftercare ist nicht der Abspann. Es ist die zweite Halbzeit.
Was ich jemandem sagen würde, der kurz davorsteht
Das Seil war der langweiligste Teil. Und das ist als Kompliment ans Seil gemeint.
Fast alles, was ich ändern würde, liegt vor den Knoten. Beim Gespräch würde ich dich packen, weil das der Teil ist, den du gratis richtig machen kannst und den fast alle überspringen. Unseres hat rund neunzig Minuten gedauert und Themen gestreift, die wir in sechs Jahren nie laut ausgesprochen hatten.
Rechne außerdem damit, dass dir die ersten zehn Minuten langweilig sind. Sagt einem keiner. Am Anfang gibt's eine Strecke, da fühlt sich das an, als würde dir jemand langsam Schnur um den Arm wickeln, und du denkst: War's das jetzt? War es nicht.
Und geh mit niedrigem Anspruch rein. Wir haben ein einfaches Brustgeschirr gebunden, und ich saß auf dem Boden. Mehr war die Szene nicht, und es hat vollkommen gereicht.
Seilarten, was du meiden solltest und wo die echten Risiken sitzen, steht in unserem Einsteiger-Guide zu Shibari-Seilen und Sicherheit. Das ist bewusst nicht die Aufgabe von diesem Text hier.
Ob wir es nochmal machen würden? Haben wir, vier Tage später. Kürzer, schlechtere Technik, besseres Gespräch. Den Tausch nehm ich.
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Häufig gestellte Fragen
Tut Shibari beim ersten Mal weh?
Meistens nicht, und genau das überrascht die meisten Anfängerinnen und Anfänger. Gut gelegtes Seil fühlt sich nach breitem, gleichmäßigem Druck an, eher wie eine feste Hand auf der Haut. Unangenehm wird es normalerweise dann, wenn eine Wicklung falsch sitzt, und das ist ein Signal zum Nachjustieren, nichts zum Durchhalten. Taubheit, Kribbeln oder ein kalter Finger heißt sofort stoppen und das Seil versetzen.
Was ist der Seilraum, und ist das dasselbe wie Subspace?
Der Seilraum ist der ruhige, schwebende, manchmal wortlose Zustand, in den manche beim Gefesseltwerden rutschen. Die meisten behandeln ihn als seilspezifische Spielart von Subspace und nicht als eigene Sache. Der Teil deines Gehirns, der sonst ständig alles kommentiert, wird einfach still, und du bleibst warm und präsent, statt wegzudriften. Die fesselnde Person kann eine eigene Version davon erleben, meist als tiefer Fokus beschrieben und in der Szene Topspace genannt.
Was sollte ein Paar vor dem ersten Fesselspiel klären?
Schon vor der ersten Shibari-Erfahrung hilft es am meisten, konkrete Handlungen statt vager Kategorien zu benennen. Festhalten, welche Körperstellen tabu sind, und klären, ob es danach sexuell wird oder standardmäßig eben nicht. Dazu Safewords und ein nonverbales Zeichen, falls jemand aufhört zu sprechen. Über Aftercare redet man am besten ebenfalls vorher. Alles davon gehört vor die Szene, denn im Seilraum kann niemand mehr sinnvoll neu zustimmen.
Wie lange sollte eine erste Seilszene dauern?
Kürzer, als du denkst. Bei uns waren es rund vierzig Minuten Binden und Sitzen, und das war für den ersten Versuch reichlich. Zwanzig bis sechzig Minuten sind für Einsteigende ein üblicher Rahmen, und eine Bodenszene mit einem einfachen Brustgeschirr ist eine sinnvolle Obergrenze. Suspension ist ein völlig anderes Können und hat beim ersten Mal nichts zu suchen.
Braucht man spezielles Seil für den Anfang?
Du brauchst Seil, das für Bondage gedacht ist, teuer muss es aber nicht sein. Ein einfaches Starter-Set mit einer langen und zwei kurzen Längen reicht für eine simple Brust- oder Handgelenksfessel locker. Finger weg von dünnem, plastikartigem oder glattkernigem Material, weil dünne Schnur den Druck auf eine winzige Fläche bündelt. Material und Durchmesser liest du vor dem Kauf besser nach.